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INTERVIEW: BAUINGENIEUR WERNER KUSCHEL

Visionär und Flexibel – Das neue Estrel Auditorium

Bauingenieur Werner Kuschel (82) betrachtet die Fertigstellung des Auditoriums mit einem weinenden und mit einem lachenden Auge. Für ihn ein Abschlussprojekt, steht das Auditorium auch für einen Aufbruch. Es ist modern und vor allem flexibel.
 
Herr Kuschel, das Estrel Auditorium – eine zusätzliche Veranstaltungslocation, die direkt an das ECC anschließt – ist ja ein sehr ambitioniertes Projekt. Und Sie wollten sich ursprünglich schon länger in den Ruhestand verabschiedet haben. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie dieses Projekt als Erweiterung des Estrel-Campus doch noch übernommen haben?
Werner Kuschel: Ich bin ja inzwischen 82 Jahre alt und dieses Projekt wollte ich eigentlich gar nicht mehr übernehmen. Dann haben mich Ekkehard Streletzki und Thomas Brückner aber doch überzeugen können. Sie sagten, ach, das ist ein relativ kleines Projekt mit rund 40 mal 40 Metern, das habe ich mir angeschaut und mir gedacht, das mache ich.
 
In der Zwischenzeit hat sich das ursprünglich kleine und überschaubare Projekt also zu einem Riesenprojekt entwickelt?
Na ja, im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, dass es zwar nicht das größte, aber doch sicher das anspruchsvollste Projekt ist, was ich bis jetzt in meiner Laufbahn durchgeführt habe.
 
Also gewissermaßen der krönende Abschluss Ihrer langen und erfolgreichen Karriere. Aber worin genau liegt die Schwierigkeit beim Bau des Auditoriums?
In der Kubatur, die durch dieses Auditorium sehr große unterschiedliche Bauteile und Höhen vereint. Bis zum 2. Obergeschoss ist es eigentlich ein ganz normales Objekt, doch dann – durch dieses Auditorium – was wie in einem Theater zwei übereinander liegende Ebenen vereint, oder drücken wir es verständlicher aus: durch diese Zuhörerbereiche mit den vielen Sitzreihen, ist es von der Statik wie von der Konstruktion her sehr anspruchsvoll. Von den unterschiedlichen Gewerken ganz zu schweigen. Einmal sprechen wir über den Rohbau, dann kommen die Fenster hinzu, die ganzen Dacheindeckungen; diese unterschiedlichen Ebenen sind halt eine Herausforderung für jeden Bauingenieur.
 
Hinzu kommt noch der gesamte Innenausbau.
Genau, z. B. die Treppen, es sind insgesamt zwei Rolltreppen, drei Aufzüge etc. Das Auditorium ist ja für bis zu 800 Leute ausgelegt. Und es wird mit der modernsten und hochwertigsten Technik ausgestattet.
 
Sie waren von Anfang an beim Aufbau des Estrel dabei und haben sämtliche Bauvorhaben gewissermaßen in einer Rekordzeit realisiert. Wenn wir jetzt an den BER denken, der viele Jahre länger dauert, als ursprünglich vorgesehen und vermutlich weit mehr als das Dreifache kosten wird, stellt sich die Frage, wie haben Sie das immer geschafft?
Ich war tatsächlich von Anfang an beim Estrel dabei, habe das Hotel und die beiden Convention Halls sowie dessen Erweiterung gebaut. Beim BER baut der Staat, wir hingegen befinden uns in der freien Wirtschaft. Das ist der Unterschied. Im Grunde ist es aber ganz einfach: Es geht immer um die entsprechende Vorbereitung und um die professionelle Führung der Bauleitung. Das ist zum einen der Architekt der plant, jetzt im Falle des Auditoriums ist das Boris Kapuste. Das ganze Problem in der Bauerei ist, dass der Architekt etwas plant und er plant natürlich möglichst nach seinen Vorstellungen und wir, die zum anderen das ganze Finanzielle in den Vordergrund stellen müssen, fangen an, die Details wirtschaftlich zu gestalten. Und das sollte natürlich Hand in Hand gehen. Und das tut es bei uns. Für uns ist es wichtig, den Zeitplan einzuhalten. Hier stehen ganz andere finanzielle Faktoren im Vordergrund. Wenn wir das Budget derart überziehen würden, wie beim neuen Berliner Flughafen, dann könnte ein Unternehmer wie Ekkehard Streletzki einpacken.
 
Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie ja neun Jahre lang für einen der größten Bauträger des Landes gearbeitet, für Schörghuber, also für die „Bayerische Hausbau“ die zur Keimzelle der Schörghuber Unternehmensgruppe gehört, maßgeblich für die Bereiche Bauen und Immobilien.
Ursprünglich bin ich da als relativer Anfänger eingestiegen und dort habe ich mich von ganz unten nach ganz oben hochgearbeitet, bis ins Management. Und irgendwann habe ich mich dann auf Empfehlung eines Bekannten selbstständig gemacht. Bereits 1974, lange vor der Wende, führte mich mein Weg deshalb immer wieder nach Berlin.
 
Ihr Vater war Architekt und hatte ein eigenes Architekturbüro. Sie haben ursprünglich einmal Bergbau studiert und waren sogar einige Jahre im Bergbau tätig, haben den Bereich dann gewechselt und ein Studium als Bauingenieur abgeschlossen, weil Ihr Vater Sie darum bat, in seine Firma einzusteigen. Architekt wollten Sie aber dennoch nie werden?
Nein, Architekten sind kreativ und das bin ich nicht.Ich schätze schöne Architektur, ja, aber in erster Linie achte ich darauf, dass die Kosten und der Zeitplan eingehalten werden. Ich bin auch kein Unternehmer, wie Ekkehard Streletzki, sondern ein Dienstleister.
 
Apropos Ekkehard Streletzki, wie haben Sie einander kennen gelernt?
Dadurch, dass er damals Gründer und Inhaber der Firma „Diabos“ war. Mit dieser Firma, die sich auf das Diamantbohren und -sägen spezialisiert hat, hatte ich als Bauingenieur einiges zu tun. Folglich sind wir häufiger gemeinsam nach Berlin geflogen. Im Laufe dieser Zeit haben wir uns angefreundet. Dann kam die Wende. Zunächst hatte ich ein eigenes Projekt (in der Lahnstraße) realisiert und eines Tages kam Ekkehard Streletzki mit seiner Idee für das Estrel an.
 
Hat Sie das Projekt mit dem Estrel überrascht und wie genau hat er es Ihnen erklärt?
Er sagte: Ich möchte ein Hotel bauen und ich war derart überrascht und sagte zu ihm wörtlich: Was willst Du denn mit einem Hotel? Als nächstes eröffnete er mir: Ja und zwar ein Hotel mit ungefähr 1.100 Zimmern. So in der Art hat er das tatsächlich formuliert.
 
Da waren Sie sprachlos, was?
Also, in der damaligen Zeit; zu Anfang der 90er-Jahre und für ihn, der bis dahin überhaupt nicht mit der Hotelbranche befasst war, war das schon ziemlich ungewöhnlich. Hätte es sich um ein Hotel mit ungefähr 200 Zimmern gehandelt oder etwas in dieser Größenordnung, dann hätte ich das vielleicht noch verstanden, doch als ich von 1.100 Zimmern hörte, da habe ich wörtlich zu ihm gesagt: Sag mal, spinnst du? Was willst du bitte mit 1.100 Zimmern? Na ja, wie Sie sehen steht es ja nun hier!
 
Das Estrel haben Sie dann in von Anfang an mit realisiert?
Ich war von Beginn an immer in allen Projekten involviert. Und so habe ich die drei Teile mitgebaut: Das Hotel, die erste Kongresshalle, dann viele Jahre später die zweite und jetzt auch das Auditorium. Das wird allerdings das letzte sein, was ich hier mache. Ich bin ja Jahrgang 1938 und irgendwann ist es dann auch mal gut.
 
Sie hatten ja schon reichlich Erfahrung mit Großbauprojekten, z. B. das Arabellahaus und das Sternhaus von der Baywa in München wie auch etliche andere Bürogebäude, z. B. das Ex-Innenministerium in Berlin-Moabit an der Spree.
Ja, das waren alles recht große Projekte und die haben mich bautechnisch auch immer interessiert.
 
Ihre Familie wird der Familie Streletzki auch weiterhin beruflich verbunden bleiben. Ihr Büro, das IKR, welches Ihre Söhne inzwischen leiten wird auch den Tower neben dem Estrel mit realisieren.
So ist es. Neben dem Estrel Hotel wird ein 175 Meter hoher Turm entstehen. Es wird wohl der höchste Turm Berlins werden. Und er wird nach den Vorstellungen von Ekkehard Streletzki und den Entwürfen des Architekturbüros Barkow Leibinger errichtet. Die IKR, die Firma, die meine Söhne inzwischen leiten, wird alles umsetzen sofern der Stillstand wieder vorüber ist.
 
Stichwort Corona – in einigen Jahren wird die Erinnerung daran hoffentlich verblassen – für Sie muss es – auch in Bezug auf die Fertigstellung des Auditoriums eine Herausforderung sein, unter derartigen Bedingungen zu arbeiten.
Wir haben wirklich schon alles erlebt; Krisen, auch finanzieller Art, Rückschläge, alles Mögliche, aber so etwas wie diese Pandemie, das hat´s tatsächlich noch nicht gegeben. Persönlich hatte ich keine Angst, obwohl ich aufgrund meines Alters natürlich zur Risikogruppe gehöre. Ich bin jeden Tag auf dem Bau. Und in der Phase des Rohbaus ging es auch noch. Die spannende Frage ist, wie geht es in Zukunft weiter?
 
Wie lange wird der Innenausbau des Auditoriums dauern?
Wenn alles gut geht, werden wir Anfang 2021 eröffnen.
 
Wenn alles fertig ist, was wird das für ein Gefühl sein?
So etwas zählt natürlich zu den Highlights. Für mich ist aber schon dann ein besonderer Moment, wenn alle beteiligten Bauarbeiter zusammenstehen und wir unser (internes) Richtfest nach Beendigung des Rohbaus feiern. Daran sind gut 40 Leute beteiligt. Für den Innenausbau kommen noch einmal zwischen 50 bis 80 Leute hinzu.
 
Die Stahlträger, die in spektakulärer Weise durch zwei Bundesländer transportiert wurden damit sie hier in Neukölln in luftiger Höhe montiert werden konnten, kamen aus Sachsen?
Genau und zwar von der Firma Freyler. Von denen haben wir bereits die gesamten Stahlträger; man nennt sie Stahlbinder in der Convention Hall II. Beim Auditorium waren es zwei separate Stahlträger, die Ende März über Nacht angeliefert wurden, wozu sämtliche Straßen auf dem Weg eigens abgesperrt werden mussten. Um diese in der Höhe zusammen zu montieren, mussten sie mit dem Kran hochgezogen werden. Und alles hat perfekt auf die Sekunde geklappt. So etwas sieht man nicht alle Tage.
 
Sie arbeiten viel in München wie auch in Berlin, wo gefällt es Ihnen eigentlich besser?
Ich fühle mich in beiden Städten gleichermaßen wohl. Und die Berliner und die Bayern sind immer gut miteinander ausgekommen. Das war immer schon so. Möglicherweise ist es die Direktheit, die beide miteinander gemein haben.
 
Gibt es etwas, worauf Sie sich besonders freuen, wenn Sie mit Ihrem letzten Auftrag, mit dem Auditorium des Estrel fertig sind?
Aufs Golfspielen, z.B. in Kitzbühel oder in München. Früher war ich ein passionierter Segler, aber das ist mir inzwischen zu anstrengend. Aber aufs Golfen und darauf, wieder fünf Mal in der Woche ins Fitnessstudio zu gehen, darauf freue ich mich schon sehr.
 
Sie gehen fünft Mal die Woche ins Fitnesscenter?
Das ist mir schon wichtig. Sport und natürlich gute und gesunde Ernährung. Vielleicht habe ich aber auch einfach die Gene meines Großvaters geerbt. Der ist leider mit 86 Jahren mit dem Fahrrad verunglückt, weil er in mit den Reifen in eine Straßenbahnschiene geraten ist. Bis dahin war er aber ziemlich fit.
 
Wie ist es, wenn man so lange arbeitet und zur Krönung der Karriere noch ein derart anspruchsvolles Projekt stemmt und Ihre Weggefährten inzwischen seit rund 20 Jahren schon pensioniert sind?
Na ja, der Ekkehard Streletzki ist ja mit seinen 80 Jahren auch noch am Arbeiten und ich hatte ursprünglich vor, mich vor ca. 20 Jahren zur Ruhe zu setzen. Aber das kann man manchmal gar nicht so planen. Bei mir hat sich immer alles so ergeben. Da kam ein Angebot nach dem anderen und das interessierte mich dann jedes Mal und so ging es halt immer weiter. Aber meine Freunde, die bereits in Pension sind, denen geht es auch sehr gut damit. Die langweilen sich nicht. Ich urteile nicht über andere und ich vergleiche nicht, bei mir war es ja auch anders geplant.
 
Sie haben ein halbes Duzend Kinder und stehen in einem guten Kontakt zu ihnen, eine ihrer Töchter lebt in Berlin, eine andere ist Richterin in München, für alle bleibt dann vermutlich auch mehr Zeit.
Es sind zwei Jungen und vier Mädchen. Und es freut mich, dass nun meine Söhne die Firma fortführen und das Geschäft bei ihnen in guten Händen liegt. Ich habe Glück gehabt mit allen Kindern und damit, dass beide Söhne das Gleiche studiert haben und ihnen das Metier der Bauerei liegt. Mit Sicherheit werde ich auch ihnen manchmal noch auf den Nerv gehen, aber ich werde loslassen. Das wird nicht ganz einfach für mich, aber das muss man lernen. Und es wird interessant sein, wenn ich künftig nicht mehr jeden Morgen um 6 Uhr in der Früh aufstehen muss. Bislang war ja ein ausgesprochener Frühaufsteher.

 

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