Art & Stories

Besuch bei Jonathan Meese

Jonathan Meese gilt als das Enfant Terrible der deutschen Gegenwartskunst. Ein Genie. Ein Provokateur. Geboren in Tokio als jüngstes von drei Kindern, wuchs Meese im südlichen Schleswig-Holstein unter der Obhut seiner Mutter auf.

Jonathan Meese gilt als das Enfant Terrible der deutschen Gegenwartskunst. Ein Genie. Ein Provokateur. Geboren in Tokio als jüngstes von drei Kindern, wuchs Meese im südlichen Schleswig-Holstein unter der Obhut seiner Mutter auf. Auch heute zieht es ihn regelmäßig zurück in seine Heimatstadt Ahrensburg. Der Versuch eines VWL-Studium wurde nach kurzer Zeit abgebrochen, genauso wie sein Kunststudium: Kunst könne man nicht lernen. Heute zählt Jonathan Meese zu den weltweit 100 wichtigsten Künstlern der Moderne. Ich besuche den scheuen Ausnahmekünstler in seinem riesigen Atelier in Prenzlauer Berg, einem ehemaligen Pumpwerk der Berliner Wasserbetriebe. Ein Gespräch zweier Norddeutscher im Hauptstadt-Exil.

Ich sehe Dich gar nicht mehr in Deinen Adidas-Outfits. Was ist passiert?
Die sind mir momentan einfach zu warm. Mit dem Kälteeinbruch kommt das wieder. Manchmal muss man seine Prinzipien ein bisschen brechen.

Wirst Du irgendwann auch mit dem Prinzip brechen, keinen eigenen Email-Account zu haben?
Nein. Obwohl ich jeden Tag meine Mails lese. Ich habe auch kein Handy. Ich würde vermutlich pausenlos damit zubringen. Das wird mir alles zu viel.

Wie telefonierst Du denn? Telefonzellen gibt es doch kaum noch.
Ich telefoniere so gut wie gar nicht. Allenfalls mit meinem Büro. Ich kommuniziere eigentlich nur über mein iPad oder per Brief. Ich brauche meine Freiheit und will mich auf die Arbeit konzentrieren.

Erzähl mir etwas über Deinen Alltag.
Ich bin ständig in der Routine, die ich auch nicht verlassen möchte. Ich stehe auf, frühstücke nicht, sondern trinke nur meine sechs, sieben Tassen Tee. Dann gehe ich ins Atelier oder verreise, um Ausstellungen vorzubereiten. Ich schlafe wahnsinnig gern und viel, im Moment zehn Stunden. Ich kann problemlos 16 Stunden im Bett liegen, ohne depressiv zu sein. Ich lese, schaue Fernsehen oder Videos, am liebsten 80er Jahre-Musikvideos auf YouTube. Ich liebe die alten Serien wie „Mit Schirm, Charme und Melone“, „Die Zwei“ oder „Raumschiff Enterprise“. Was war das für eine tolle Zeit. Da werde ich sentimental. Bei „Bambi“ kommen
mir die Tränen.

Wie muss man sich Deine kreativen Abläufe vorstellen? Was inspiriert Dich?
Ich kann jederzeit loslegen, sofort ein neues Bild beginnen oder an einem anderen weiterarbeiten. Blockaden sind mir fremd. Ich habe vielleicht Problem mit der Realität, aber nicht mit der Kunst.

Inwiefern?
Ich finde die Realität zum Teil so grauselig, dass ich mich davon distanzieren möchte. Das geht soweit, dass ich weder politische, religiöse noch sonst irgendwelche Ansichten habe. Das interessiert mich alles nicht. Mein Fokus ist einzig und allein die Kunst.

Hat man als Bürger und Künstler nicht auch eine politische Verantwortung? Schließlich bietet Dir dieses Land ja auch eine Menge an Freiheiten, die – wie man gerade in der Türkei sehen kann – nicht selbstverständlich sind.
Ich bin davon überzeugt, dass man seine Arbeit machen muss. Ein Feuerwehrmann ist ein Feuerwehrmann und ein Taxifahrer fährt Taxi. Jeder sollte das machen, was er am besten kann.#

Du verwendest in Deinen Arbeiten religiöse und politische Symbole wie Hakenkreuze.
Das sind für mich nur Motive, die ich in der Kunst bearbeite, ohne jede ideologische Bedeutung. Mit dem Hitlergruß habe ich die Politik außer Kraft gesetzt. Ich habe klargemacht, dass es sich hierbei um Kunst handelt und die Geste neutralisiert. Auf der Bühne ist alles erlaubt. Als Künstler darf man sich niemals vor einen politischen Karren spannen lassen.

Willst Du denn mit Deiner Kunst nichts ausdrücken?
Nein. Ich mache auch keinen Unterschied zwischen religiösen Kreuzen oder Hakenkreuzen. Nur in der Kunst kann ich radikal sein, inklusive Mord- und Todschlag. Nicht in der Realität. Von realen Verbrechen, Kriegen und anderen Scheußlichkeiten grenze ich mich ab. Damit habe ich nichts zu tun. Kriege gehören in die Kunst, auf die Leinwand, in den Film, in Bücher.

Aber sie finden in der Realität statt. Du liest Tageszeitungen und weißt durchaus, was passiert.
Ich kaufe sogar wie ein Wahnsinniger Zeitungen. Aber was ich da lese, empfinde ich als Zumutung und als große Bedrückung.

Warum provozierst Du in dieser Radikalität, wenn sie letztlich ohne Aussage gemeint ist? Immerhin bist Du wegen des Hitlergrußes viermal angezeigt worden.
Ich provoziere gern, weil ich der Kunst viel zutraue. Die Kunst kann uns regieren. Berlin, Deutschland, die Welt, das Universum.

Freust Du Dich, dass Angela Merkel immer noch Kanzlerin ist?
Das ist mir völlig egal.

Und was sagst Du zu rechtspopulistischen Parteien wie der AfD?
Das ist mir ebenfalls egal. Ich darf dazu keine Meinung haben. Das wäre ein Verrat an der Kunst. Für mich besteht die Zukunft nicht aus politischen Parteien. Alle politischen Reiche sind untergegangen, das alte Ägypten, Rom, Griechenland. Überlebt aber hat die Kunst. Deshalb muss der Kunst die Herrschaft überlassen werden. Wie genau, weiß ich nicht, einfach mal ausprobieren, heißt die Devise. Es wird sich alles evolutionärst von selbst fügen und organisieren, das steht fest.

Ohne ein gewisses Maß an Ordnung und Reglementierungen hätten wir ein einziges Sodom und Gomorra auf diesem Planeten, meinst Du nicht?
Ich sehe Deutschland eher wie ein großes Hotel, das von dem Geeignetsten geleitet wird ohne religiöse oder sonstige Leitsätze. Einfach nur mit Liebe und Respekt. Ich mag diese Einordnungen einfach nicht. Ich trinke ja meinen Tee auch nicht links- oder rechtspolitisch. Ich trinke ihn noch nicht mal atheistisch. Ich sehe mich hier als Stachel, indem ich sage: Lasst doch mal was anderes ran.

War Politik bei Euch Zuhause nie ein Thema?

Meine Mutter hat mir politisch nie etwas ans Herz gelegt. Mit 18 habe ich gewählt und habe alle Parteien angekreuzt. Seitdem nie wieder. Ich muss immer an die Weimarer Republik denken. Das ist doch alles Steinzeit. Für mein Leben spielt das keine Rolle. Mein Atelier ist ein politikfreier Raum, wo Politik nicht angesagt ist.

Deine Haltung hat schon etwas sehr bequemes. Nach dem Motto, das interessiert mich nicht, also muss ich mich damit auch nicht auseinandersetzen.

Doch ich setze mich auseinander, nur schlage ich mich auf keine Seite. Ich lasse mich nicht instrumentalisieren. Von nichts und niemandem. Alles Schreckliche auf diesem Planeten ist politisch ideologisch begründet. Wir machen uns schuldig wenn wir uns beteiligen. Ich habe davor Angst. Also halte ich mich raus. Dafür bin ich ja einer der besten Künstler der Welt (lacht). Das ist der Beitrag, den ich leiste.

Bist Du auch in anderen Lebensbereichen eher realitätsfern?
Ich leide an der Realität. Ich leide nicht an Kunst. Ich bin in Bezug auf Realität total unsicher. In der Kunst bin ich gerne der Störenfried. Aber nicht im normalen Leben.

Du bist ein wahnsinnig freundlicher Mensch. Wird das manchmal missverstanden oder sogar ausgenutzt?
Ja, das ist teilweise richtig extrem und ein Grund für meine Müdigkeit. Ich bin in meiner Kunst radikal, in der Realität aber freundlich, was oft ausgenutzt wird. Ich bekomme pro Tag ‘zig Anfragen. Alle wollen etwas von mir. Junge Künstler denken, ich hätte Zeit, Ihnen zu helfen und verstehen nicht, wenn ich ablehne. Ich bin kein Guru.

Wie schützt Du Dich dagegen?
Indem ich schlafe. Indem ich etwas Extremes sage. Das befremdet dann den einen oder anderen. Für mich ist das eine Art Schutz.

Das klingt anstrengend…
Es ist manchmal kaum auszuhalten. Ich will nicht arrogant rüberkommen, denn das bin ich nicht. Aber meine Kapazität ist hier einfach beschränkt. Ich bin eigentlich bis 2022 voll mit Terminen.

Du scheinst ein überaus sanfter und sensibler Mensch zu sein.
Ja, da stimmt. Allerdings bis zu einem gewissen Punkt. Wenn das Fass überläuft, flippe ich aus.

Ich bin überrascht. Das kannst Du?
Ja, aber wie. Ich werde laut und cholerisch. Ich kann mich allerdings auch wieder vertragen. Wenn man mich verrät oder hintergeht, ist das unverzeihlich. Mami sagt, ich sei nachtragend. Ich sage, die Grenze ist einfach überschritten.

Kritiker warfen Dir vor, dass Du zu inflationär Bilder produzierst.
Ich bin sicher extremer als Picasso. Aber es sind alles Originale, durch meine Hände entstanden und nicht durch irgendwelche Teams von Assistenten. Das eine Bild ist vielleicht besser als das andere. Aber von der Machart her sind sie alle liebevoll. Ich lass mich mit dieser Kritik nicht von anderen wegdiskutieren.

Treibt Dich dabei die Kreativität oder reizt Dich eher der Verdienst?
Um Geld ist es mir noch nie gegangen. Deshalb verdiene ich auch ganz gut. (grinst)

Eine Zeitlang war’s etwas stiller um Dich. Hat Dich die Kritik, Deine Bilder seien nichts Besonderes mehr, dann doch getroffen?
Da muss man etwas Geduld haben. In so einem Fall macht man am besten noch mehr, jetzt erst recht. Mir gefällt besonders das Bild „Die Wurstkönigin auf dem Senftopf“. Es ist sehr detailliert. Bei jeder Betrachtung entdecke ich etwas Neues.

Wie lange arbeitest Du an einem solchen Bild?
Das ist unterschiedlich. Manchmal kommt die Mami vorbei und sagt dann, ach Johnny, da könnte noch etwas Rotes hin. Oder sie sagt, dass sieht doch aus wie ein Hund, mach‘da doch noch einen Schwanz ran. Und dann mache ich das. An manchen Tagen male ich nur einen einzigen Strich.

Welches sind Deine Schwächen?
Ich kann nichts wegschmeißen, nicht mal eine Cola-Flasche, da ich sie möglicherweise für ein Bild nochmal benutzen könnte. Ich bin ein manischer Sammler.

Aber hoffentlich kein Messie…
Wenn meine Mutter nicht wäre, und ich nicht Erfolg hätte, wäre es ein Problem. Das begann während des Studiums. Mit Anfang zwanzig stellte ich plötzlich fest, nichts wegschmeißen zu können. Ich habe in allem Kunst gesehen, in der BILD-Zeitung, in jeder Zeitschrift, alles wird aufbewahrt. Ich gebe allein für Zeitungen 1.000 Euro im Monat aus. Und selbst hier wird langsam der Platz knapp. Die Leute, die mit mir zu tun haben, sind regelrecht verzweifelt.

Was ist Deine herausragende Eigenschaft?
Hermetik. Ich kann sehr gut mit mir allein sein. Ich fühle mich nie einsam.

Bist Du denn jemals allein? Deine Mutter ist doch immer da.
Ein Abnabelungsprozess war mir nie notwendig. Ich habe einen unfassbaren Respekt vor meiner Mutter. Sie ist für mich die Autorität der Superlative. Darüber steht nur noch die Kunst. Wir arbeiten hier in einem kleinen Team. Mutti macht mit bis zum letzten Atemzug. Und dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Jemand, der gegen meine Mutter vorgeht, der ist weg. Dem verzeihe ich nicht.

Bist Du ein Muttersöhnchen?
Ja, ich bin ein Muttersöhnchen im positiven Sinne. Ich würde mich freuen, wenn viel mehr Menschen ihre Eltern so ehren würden. Die Alten müssen dabei sein. Sie gehören dazu. Heute werden sie oft abgeschoben. Meine Mutter ist 88 Jahre und ich traue ihr noch alles zu. Ich habe mich nie gegen meine Mutter aufgelehnt.

Hat Deine Mutter Deine Freundin als Frau an Deiner Seite akzeptiert?
Das musste sie. Es ist für beide nicht immer einfach. Meine Freundin und ich sind schon seit 26 Jahren zusammen. Sie weiß: Mich gibt es nur in diesem Paket.

Ihr wohnt alle in einem Haus. Scheppert es da auch mal?
Wir sind ein Team, das aufeinander eingespielt ist. Die Dinge regeln sich von allein. Und wenn nicht etwas ganz Schlimmes passiert, dann wird es so bleiben. Ich brauche die Menschen meines Vertrauens in meiner unmittelbaren Nähe. Ich weiß, dass meine Mutter irgendwann sterben wird und hoffentlich auch vor uns, denn das ist ganz normale Lauf der Dinge. Ich hoffe noch auf 10, 15 oder 20 gute gemeinsame Jahre.

Das Interview führte Birgit von Heintze,
Autorin und Lifestyle-Journalistin
mystylery.com #mystylery

Zurück