Art & Stories

Besuch bei Anselm Reyle

Hier im Estrel Hotel habe ich etwas wirklich Großartiges entdeckt. Haben Sie es schon gesehen? Das ca. sechs Meter große Mobile, das in der Lobby von der Decke hängt und unermüdlich und höchst meditativ seine Runden dreht?

"Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen." Das hat nicht irgendwer gesagt, sondern Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832). Ich liebe es, Neues zu entdecken. Hier im Estrel Hotel habe ich etwas wirklich Großartiges entdeckt. Haben Sie es schon gesehen? Das ca. sechs Meter große Mobile, das in der Lobby von der Decke hängt und unermüdlich und höchst meditativ seine Runden dreht? Erdacht wurde es von einem deutschen Ausnahmekünstler, von einem, den der New Yorker Star-Galerist Larry Gagosian einst für seine Galerie entdeckt hat: Anselm Reyle, 49 Jahre alt, weltberühmt für seine Streifen- und Folienbilder, in Tübingen, im Südwesten Deutschlands, geboren, verheiratet, zwei Kinder. Jetzt wohnt er in Berlin. Nicht weit vom Estrel entfernt.

Ich darf ihn treffen. Zusammen mit Hotel-Inhaberin Dr. Sigrid Streletzki, die mit ihrem untrüglichen Gespür eine großartige Kunstsammlung für das Estrel aufgebaut hat. Nach wenigen Minuten im Auto erreichen wir Treptow. Eben waren wir noch im Großstadt-Moloch Berlin, jetzt in blühender Natur. Direkt am Wasser auf einem verwunschenen Grundstück, das einst der Wasserschutzpolizei gehörte, lebt und arbeitet Reyle. Seine Frau, die renommierte Architektin Tanja Lincke, hat das Refugium entworfen. Atelier-, Büround Wohnräume auf 9000 Quadratmetern. Vollkommene Ruhe, ein Garten Eden. Vor seinem Kunststudium hat Reyle als Landschaftsgärtner gearbeitet. Der Neu- und Umbau seiner Frau sieht aus, als wäre er hier harmonisch gewachsen. Gräser blühen, Bienen summen, ein Fußballtor, ein Ball. Es ist ein selbst erschaffenes Arkadien, in dem Mauerreste einer ehemaligen Industriehalle an Vergangenes erinnern. Es ist ein bisschen wie in seiner Kunst, in der Reyle auch mit Fundstücken und Formen aus Vergangenheit und Gegenwart arbeitet. Ich bin gespannt auf Anselm Reyle und erlebe einen Menschen, der offen, herzlich und interessiert ist. Er sieht einem in die Augen, wirkt vollkommen ausbalanciert – ein bisschen wie sein Mobile.

Zeit für ein paar Fragen ...

Eine Hotel-Lobby ist ein Ort mit viel Bewegung. Ist es ein guter Ort für Ihr „Windspiel“ von 2017?
Ja, das finde ich. Was mir auch sehr wichtig ist: Dass es hier auf verschiedenen Ebenen zugänglich sein kann. Ein Kind kann es schön finden und sich an der Drehung und Lichtreflektion freuen. Ich will keinen Menschen ausschließen, keine Spezialistenkunst machen. Deswegen ist es toll, dass es in einer Hotel-Lobby hängt, wo sich so viele unterschiedliche Menschen treffen.

Es ist ihr erstes Mobile. Für mich hat es etwas sehr Majestätisches.
Genau. Beim Mobile bin ich fasziniert von der Bewegung, dieser anderen Form der Zeit und der Unendlichkeit, die da stattfindet. In die Oberfläche des „Windspiel“ sind Muster in das Metall hineingeschliffen. Sie habe ich gewählt, weil sie das Licht brechen und durch die Lichtreflexe auch noch mal Bewegung erzeugt wird. Diese Schleifoberfläche ist ursprünglich eine Idee des amerikanischen Bildhauers David Smith (1906 bis 1965). Sie kam dann in den 80er Jahren so richtig in Mode, viele WG-Kühlschränke wurden damals in Eigenbau geflext. Auch wieder ganz interessant wie so eine Oberfläche zu einem Allgemeingut werden kann und eine bestimmte Assoziation hervorruft.

Gibt es etwas in der Zukunft, was Sie anvisieren möchten?
Jetzt bin ich ja gerade wieder mehr mit Malerei beschäftigt. Aber es entstehen auch Metallskulpturen, die aussehen wie Fragmente aus meinen Folienbildern. Außerdem freistehende Skulpturen und Faltungen, die ich gerne machen würde. Es sind Skulpturen für den Außenraum. Auch meine Keramik bewegt sich gerade in eine neue Richtung. Es bleibt also spannend. Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Mon Muellerschoen, Art Advisor und Kunstkolumnistin u.a. für ArtNews im Magazin „Bunte”
#monmuellerschoen

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